Die Geschichte der anabolen Steroide umfasst mehr als 90 Jahre — von der Isolation des Testosteronmoleküls in einem deutschen Chemielabor über das erste gezielte Sport-Steroid Dianabol, das DDR-Staatsdopingprogramm und den BALCO-Skandal bis zur heutigen Mainstream-Akzeptanz von Testosteronersatztherapie und der Entstehung völlig neuer PED-Kategorien. Diese Geschichte ist nicht nur ein Kapitel der Sportgeschichte — sie ist die Grundlage dafür, warum die Verbindungen, die heute in Wie wirken anabole Steroide? und Steroidklassen erklärt werden, überhaupt existieren.
Als Deutschlands ältester Steroid-Shop kennen wir die Substanzen, die wir anbieten — und ihren Hintergrund. Dieser Artikel erzählt die vollständige Geschichte.
Wann wurde Testosteron entdeckt — und wer erhielt dafür den Nobelpreis?
Testosteron wurde 1935 nahezu gleichzeitig von zwei unabhängigen Teams synthetisiert — Adolf Butenandt in Deutschland und Leopold Ružička in der Schweiz — wofür beide 1939 den Nobelpreis für Chemie erhielten; Butenandt konnte ihn wegen eines Nazi-Verbots erst nach Kriegsende entgegennehmen.
Die wissenschaftlichen Schritte davor:
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1929 | Fred Koch (Chicago): Erster aktiver Hoden-Extrakt aus Bullen-Hoden |
| 1931 | Adolf Butenandt (Marburg): Isoliert 15 mg Androstenon aus 25.000 Liter Urin |
| 1935 | Ernst Laqueur (Amsterdam): Reinigung von Testosteron aus Stierhoden |
| 1935 | Butenandt + Ružička: Simultane Synthese aus Cholesterin (Patent Ciba-AG) |
| 1939 | Nobelpreis für Chemie: Butenandt + Ružička |
Der Nobelpreis war ein politisches Drama: Ab 1936 hatte das Nazi-Regime deutschen Staatsbürgern verboten, den Nobelpreis anzunehmen (Reaktion auf die Vergabe an Carl von Ossietzky). Adolf Butenandt wurde vom Regime zur Ablehnung gezwungen — er erhielt die Auszeichnung erst nach Kriegsende. Das Paradox: Die einflussreichste pharmakologische Entdeckung des 20. Jahrhunderts entstand in Deutschland, durfte aber von ihrem deutschen Entdecker nicht offiziell angenommen werden.
Die ersten medizinischen Anwendungen waren legitim und bedeutend: Hypogonadismus, Muskelschwund, Anämie, Kachexie. Testosteron wurde als therapeutische Substanz entwickelt — der sportliche Missbrauch folgte erst später. Die frühen 1940er brachten Testosteron im Bodybuilding ins Blickfeld: erste Berichte über Bodybuilder an der US-Westküste, die mit Testosteron-Injektionen experimentierten, stammen aus dieser Zeit. Paul de Kruifs populärwissenschaftliches Buch “Die männlichen Hormone” (1945) beschleunigte die Verbreitung dieses Wissens erheblich.
Wie entstand Dianabol — und warum entwickelte John Ziegler 1958 das erste gezielte Sport-Steroid?
Dianabol (Methandienon) entstand 1958 als direkte Reaktion auf den Kalten Krieg im Sport: Dr. John Ziegler, Arzt des US-Gewichthebeteams, hatte erfahren, dass sowjetische Athleten Testosteron injizierten, und entwickelte mit Ciba Pharmaceuticals eine orale Verbindung mit stärkerem anabolen und schwächerem androgenen Profil — die “amerikanische Antwort” auf die Sowjetunion.
Die Ausgangslage: Bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki dominierte die Sowjetunion das Gewichtheben auf erschreckende Weise. Ziegler begegnete sowjetischen Trainern 1954 bei den Gewichtheber-Weltmeisterschaften in Wien und erfuhr, dass die Athleten exogenes Testosteron erhalten hatten. Sein Ziel: eine Verbindung, die mindestens genauso wirksam, aber mit weniger androgenen Nebenwirkungen behaftet war.
Das Ergebnis: Methandienon — Dianabol — 1958 von der FDA zugelassen, zunächst für medizinische Zwecke (Osteoporose, Hypogonadismus). Das York Barbell Club in Pennsylvania wurde zum ersten Feldversuch im Sport. Ziegler soll später berichtet haben, die Athleten seien “verrückt nach Steroiden” geworden — und er habe die Entwicklung bereut.
Zeitgleich entstanden weitere Verbindungen, die bis heute die Grundlage des Steroid-Spektrums bilden: 1962 entwickelte Winthrop Laboratories Stanozolol (Winstrol) — ein DHT-Derivat ohne Aromatisierung; Nandrolon Decanoat (Deca-Durabolin) wurde im selben Jahr von Organon eingeführt, mit besonderem Nutzen für Gelenke und Muskelmasse. Innerhalb von 5 Jahren nach Dianabol-Einführung hatten AAS Gewichtheben, Leichtathletik, Schwimmen und American Football erfasst.
Wie verbreiteten sich Steroide im Leistungssport — 3 Jahrzehnte von Olympia bis zum DDR-Staatsdoping?
Was in US-Gewichtheber-Gyms begann, wurde in den 1960er–1980er Jahren zum globalen Phänomen: Anabole Steroide verbreiteten sich von Olympia-Disziplin zu Olympia-Disziplin, erreichten ihren institutionellen Höhepunkt im geheimen DDR-Staatsdopingprogramm und gipfelten 1988 im größten Doping-Skandal der Olympia-Geschichte.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1960er | AAS in Gewichtheben, Leichtathletik, Schwimmen, Football etabliert |
| ~1974–1989 | DDR Staatsplan 14.25 — systematisches Staatsdoping mit Oral-Turinabol |
| 1976 | Erste Dopingtests bei Olympia (Montreal) |
| 1983 | Pan-American Games Caracas — Massendisqualifikationen |
| 1988 | Ben Johnson, Seoul — Stanozolol, Medaille aberkannt |
DDR Staatsplan 14.25 war das umfangreichste staatlich organisierte Dopingprogramm der Geschichte. Von etwa 1974 bis 1989 doptede die Deutsche Demokratische Republik systematisch Tausende Athleten — viele ohne ihr Wissen — um bei Olympia und Weltmeisterschaften zu dominieren. Das Schlüssel-Steroid war Oral-Turinabol (Dehydrochlormethyltestosteron, ein DDR-Eigenentwicklung von Jenapharm 1965): kaum zu testen, oral einnehmbar, stark anabol, schwach androgen. Die DDR dominierte zwischen 1972 und 1988 das Schwimmen, die Leichtathletik und das Gewichtheben bei Olympia mit diesem Programm.
1991 enthüllten Brigitte Berendonk und Werner Franke das volle Ausmaß in dem bahnbrechenden Werk „Doping-Dokumente — Von der Forschung zum Betrug” (Springer Verlag, ISBN 978-3-642-93485-8). Berendonk selbst war eine ehemalige DDR-Athletin — ihre Enthüllungen basierten auf MfS-Geheimunterlagen und sind die maßgebliche deutsche Quelle zur DDR-Dopinggeschichte.
Der Skandal, der AAS ins globale Bewusstsein brachte: 1988 in Seoul lief Ben Johnson die 100 Meter in 9,79 Sekunden — Weltrekord — und wurde als Olympiasieger gefeiert. Drei Tage später: positiver Test auf Stanozolol. Medaille aberkannt. Das paradoxe Ergebnis: Johnsons Fall machte anabole Steroide weltweit bekannt und steigerte das öffentliche Interesse an ihnen massiv. Die vollständige rechtliche Geschichte dieser Verbote erklärt der Artikel Steroide Legal Deutschland — Rechtslage 2026.
Wann wurden Steroide verboten — die 4 wichtigsten Verbote von 1974 bis 2015?
Die Kriminalisierung anaboler Steroide verlief in vier historischen Wellen: dem IOC-Verbot 1974 (ohne Testmethode), dem US-amerikanischen Anabolic Steroid Control Act 1990 (Schedule III), der WADA-Gründung 1999 und dem deutschen Anti-Doping-Gesetz 2015 — das Hobbyathleten erstmals direkt strafbar macht.
| Jahr | Ereignis | Konsequenz |
|---|---|---|
| 1974 | IOC fügt AAS zur Verbotsliste hinzu | Verbot ohne Testmethode — symbolisch, nicht effektiv |
| 1990 | USA — Anabolic Steroid Control Act (Schedule III) | Erste strafrechtliche Konsequenzen für Besitz/Handel in den USA |
| 1999 | WADA gegründet (Lausanne) | Internationale Harmonisierung der Verbotsliste + Sanktionen |
| 2015 | Deutschland — Anti-Doping-Gesetz (AntiDopG) | Hobbyathleten bei nicht geringer Menge erstmals strafbar |
Das Katz-und-Maus-Spiel begann sofort: Nachdem 1976 die ersten Tests bei den Olympischen Spielen in Montreal eingeführt wurden, begannen Athleten und Trainer systematisch mit Absetzfristen zu kalkulieren. Die Tests testeten zu dem Zeitpunkt nur im Urin auf bekannte Verbindungen — Oral-Turinabol der DDR blieb jahrelang unentdeckt. 1983 wurden bei den Pan American Games in Caracas dutzende Athleten disqualifiziert, nachdem ein verbesserter Test eingesetzt wurde — viele US-Athleten reisten vorsorglich ab.
Die WADA-Gründung 1999 war ein Wendepunkt: Erstmals eine unabhängige internationale Behörde mit einheitlicher Verbotsliste für alle Verbände. Bis dahin konnten einzelne Sportverbände ihre eigenen Standards setzen. Für die vollständige aktuelle Rechtslage in Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es einen eigenen Artikel. Die PCT nach dem Zyklus — heute Standardpraktik — entwickelte sich in dieser Ära als Reaktion auf das Absetzmanagement.
Was prägt die Steroid-Geschichte seit 2000 — BALCO, Designer-Steroide und die TRT-Welle?
Seit 2000 hat sich die Steroid-Geschichte in drei parallelen Entwicklungen entfaltet: dem BALCO-Skandal (2003) mit dem ersten öffentlich bekannten Designer-Steroid, der gesellschaftlichen TRT-Normalisierung der 2010er Jahre und der Entstehung ganz neuer PED-Kategorien — SARMs, Peptide und GLP-1-Agonisten — die das klassische AAS-Spektrum ergänzen oder ersetzen.
BALCO 2003: Victor Conte, Gründer des Bay Area Laboratory Co-Operative in Kalifornien, lieferte an Spitzensportler — darunter Marion Jones (5 Olympia-Medaillen 2000), Barry Bonds (Baseball-Homerun-Rekord) und Tim Montgomery (100-m-Weltrekord 2002) — ein bis dahin unbekanntes Designer-Steroid: THG (Tetrahydrogestrinon = “The Clear”). THG war so strukturiert, dass damalige WADA-Tests es nicht erkannten. Der Skandal erzwang eine grundlegende Reform der WADA-Testmethodik: Von der “positiven Liste” bekannter Verbindungen zur generischen Beschreibung “Substanzen mit ähnlicher Struktur oder biologischen Effekten.” Der BALCO-Skandal zeigte: Die AAS-Chemie ist dem Testing immer einen Schritt voraus. Das ist bis heute eine Grundtatsache der Doping-Kontroverse.
TRT-Welle der 2010er: Der gesellschaftliche Wandel war dramatisch. Testosteron — jahrzehntelang ausschließlich mit illegalem Sport-Doping assoziiert — wurde zur Lifestyle-Medizin. Tausende TRT-Kliniken entstanden in den USA und Europa; Testosteronersatztherapie (TRT) wurde für Männergesundheit, Anti-Aging und Lebensqualität normalisiert. Die Harvard-Forscher Kanayama, Hudson und Pope schätzten in ihrer 2008 publizierten Studie „Long-term Consequences of AAS Abuse” (Drug Alcohol Depend 98:1–12) bereits 3–4 Millionen AAS-Nutzer allein in den USA — ein Hinweis darauf, dass AAS nie eine Nischenerscheinung waren.
Neue PED-Kategorien: Die 2010er und 2020er brachten SARMs als klinisch entwickelte, nie zugelassene AAS-Alternativen; Peptide als Gewebeheilungs- und GH-Stimulations-Werkzeuge; und zuletzt GLP-1-Agonisten (Semaglutid, Tirzepatid, Retatrutid) als die meistgenutzte PED-Kategorie abseits von AAS — erstmals mit überwiegend nicht-sportlichem Nutzen. Die vollständige PED-Kategorienübersicht zeigt, wie sich das Spektrum heute darstellt.
Die Pharmakologie der AAS — der Mechanismus hinter 90 Jahren Geschichte — ist detailliert im Artikel Wie wirken anabole Steroide? erklärt. Die ARD-Investigativreihe Geheimsache Doping von Hajo Seppelt dokumentiert die moderne Doping-Landschaft mit preisgekröntem deutschen Investigativjournalismus.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wer hat Testosteron erfunden — und wann?
Testosteron wurde 1935 nahezu gleichzeitig von zwei Teams synthetisiert: Adolf Butenandt (Deutschland) und Leopold Ružička (Schweiz) aus Cholesterin, während Ernst Laqueur (Amsterdam) es zuvor aus Stierhoden isoliert hatte. Beide erhielten 1939 den Nobelpreis für Chemie. Butenandt konnte die Auszeichnung wegen eines Nazi-Verbots für deutsche Staatsbürger erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entgegennehmen.
Was war das DDR-Dopingprogramm — und welche Steroide wurden eingesetzt?
Die DDR betrieb von ca. 1974 bis 1989 unter dem Codenamen Staatsplan 14.25 das umfangreichste staatlich organisierte Dopingprogramm der Geschichte. Das Schlüssel-Steroid war Oral-Turinabol (Dehydrochlormethyltestosteron) — eine Eigenentwicklung von Jenapharm aus dem Jahr 1965. Tausende Athleten wurden oft ohne ihr Wissen gedopt. 1991 enthüllten Brigitte Berendonk und Werner Franke das Ausmaß in “Doping-Dokumente” (Springer).
Was war der BALCO-Skandal — und was ist “The Clear”?
BALCO (Bay Area Laboratory Co-Operative) lieferte ab Ende der 1990er Jahre unter Victor Conte das Designer-Steroid THG (Tetrahydrogestrinon = “The Clear”) an Spitzensportler. THG war so strukturiert, dass damalige WADA-Tests es nicht erkannten. Betroffen waren Marion Jones, Barry Bonds und weitere Top-Athleten. Der Skandal (2003 aufgedeckt) zwang die WADA, ihre Testmethodik grundlegend zu reformieren.
Gibt es Steroide die in der Medizin noch zugelassen sind?
Ja — Testosteron (Testoviron-Depot, Nebido, Testogel) ist ein offiziell zugelassenes Arzneimittel für Hypogonadismus, das weltweit verschrieben wird. Oxandrolon wird klinisch bei schweren Verbrennungen und Muskelatrophie eingesetzt. Nandrolon hat in einigen Ländern noch Zulassungen für Anämie. Alle anderen klassischen AAS haben keine aktive Zulassung mehr in Deutschland. Für die vollständige Rechtslage 2026 gibt es einen eigenen Artikel.
Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine medizinische Beratung dar. Anabole Steroide sind in Deutschland nach dem Arzneimittelgesetz (§ 6a AMG) und dem Anti-Doping-Gesetz (AntiDopG) rezeptpflichtig bzw. in ihrem Handel und Besitz in nicht geringer Menge strafbar. Konsultiere vor der Anwendung leistungssteigernder Substanzen immer einen qualifizierten Arzt, Endokrinologen oder Sportmediziner. Die Autoren übernehmen keine Haftung für gesundheitliche Schäden durch unsachgemäße Anwendung.
