Die Geschichte der anabolen Steroide ist die Geschichte einer der wirksamsten medizinischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts — und gleichzeitig die Geschichte des größten und am längsten andauernden Pharma-Schwarzmarkts der Welt. Sie umfasst Nobelpreise, Olympische Gold-Skandale, staatliche Dopingsysteme, Olympische Sieger, die Jahrzehnte später ihre Medaillen verloren, und Millionen ganz normale Menschen, die heute Testosteronpräparate verwenden — manchmal medizinisch indiziert, manchmal nicht.
Wer die Geschichte kennt, versteht besser, warum die Substanzen, die wir heute als „Anabolika” zusammenfassen, so unterschiedliche Eigenschaften haben, warum es eine medizinische Anwendung neben einer kriminalisierten Nutzung gibt, und warum die rechtlichen, ethischen und medizinischen Debatten über AAS so unklar bleiben. Dieser Leitfaden präsentiert die vollständige Chronologie — von den Hodenextrakten chinesischer Kaiser bis zur heutigen Forschung an SARMs und selektiven Androgen-Modulatoren. Die maßgebliche moderne Übersicht ist die Arbeit von Pope, Kanayama und Hudson („History and epidemiology of anabolic androgens in athletes and non-athletes”, Int J Andrology 2018, PMID 28245998), die hier als Hauptquelle dient.
Die Antike: Hodenextrakte und magisches Denken (2.600 v. Chr. bis 1850)
Lange bevor das Konzept eines „Hormons” überhaupt existierte, wussten Menschen, dass Hoden männliche Eigenschaften vermitteln. Die Beobachtung war einfach: Wer einen männlichen Stier oder Hahn kastrierte, bekam ein ruhigeres, weniger muskulöses und nicht zur Fortpflanzung fähiges Tier. Wer dagegen männliche Hoden konsumierte oder injizierte, hoffte auf umgekehrte Effekte.
| Epoche | Ort | Praxis |
|---|---|---|
| 2600 v. Chr. | China (Huang Ti, Gelber Kaiser) | Erste schriftlich überlieferte Heilmittel gegen Impotenz |
| 1600 v. Chr. | Ägypten | Tierhoden-Konsum als „Vitalitätsstärkung” |
| 8. Jh. v. Chr. | Indien, Naher Osten | Penis- und Hoden-Elixiere in heiligen Schriften |
| 776 v. Chr. – 393 n. Chr. | Antikes Griechenland | Tierhoden-Verzehr vor Olympischen Spielen |
| Antikes Rom | Rom | Gladiatoren konsumieren Tier-Geschlechtsorgane für „Mut” |
Wichtige Einordnung: Diese Praktiken waren biochemisch unwirksam. Oral konsumierte Hoden werden im Magen verdaut, das Testosteron wird abgebaut, lange bevor es ins Blut gelangt. Die wahrgenommenen Effekte waren reine Placebo-Wirkungen oder, im Fall von Olympischen Athleten, vermutlich der psychologische Boost durch ein Ritual. Die Vorstellung blieb aber kulturell hartnäckig: Männliche Geschlechtskraft wohnt in den Hoden — eine Erkenntnis, die wissenschaftlich erst 1849 bestätigt wurde, mehr als 4.000 Jahre nach den ersten chinesischen Heilmitteln.
Das 19. Jahrhundert: Vom Mythos zur Wissenschaft (1849–1896)
Berthold 1849 — Die Geburt der modernen Endokrinologie
Der entscheidende wissenschaftliche Durchbruch kam vom deutschen Physiologen Arnold Adolph Berthold an der Universität Göttingen. In einem klassischen Experiment kastrierte er junge Hähne, beobachtete den Verlust männlicher Eigenschaften (Kamm-Atrophie, verminderte Aggression, kein Krähen) und transplantierte dann die entfernten Hoden in den Bauchraum derselben oder anderer Tiere. Resultat: Die Hähne entwickelten ihre männlichen Eigenschaften zurück — selbst ohne Nerven-Verbindung der transplantierten Hoden. Bertholds Schlussfolgerung war revolutionär: Es muss eine chemische Substanz im Blut geben, die männliche Eigenschaften vermittelt. Diese Substanz hat noch keinen Namen — der Begriff „Hormon” wird erst 1905 geprägt — aber Berthold hat das Konzept erfunden.
John Hunter und die Anfänge der Transplantationsmedizin
Bereits Jahrzehnte zuvor hatte der schottische Chirurg John Hunter (1728–1793) eine Hoden-Transplantation von einem Hahn in eine Henne durchgeführt — die transplantierte Henne entwickelte tatsächlich androgenisierte Merkmale (vergrößerter Kamm, verändertes Verhalten). Hunter, königlicher Chirurg von König George III., war einer der einflussreichsten Wissenschaftler seiner Zeit, aber sein Hoden-Transplantations-Experiment blieb eine Kuriosität, weil das theoretische Fundament fehlte.
Brown-Séquard 1889 — Das erste „Anti-Aging”-Hormonpräparat
Der französische Endokrinologe Charles-Édouard Brown-Séquard (1817–1894), Harvard-Professor und Nachfolger von Claude Bernard am Collège de France, präsentierte 1889 vor der Société de Biologie in Paris einen Bericht, der weltweit Aufsehen erregte: Er hatte sich selbst Extrakte aus Hunde- und Meerschweinchen-Hoden injiziert und behauptete, dadurch eine Verjüngung erlebt zu haben — gesteigerte körperliche Kraft, verbesserte Konzentration, Linderung von Verstopfung, sogar einen kräftigeren Urinstrom. Der „Brown-Séquard-Effekt” wurde zur Sensation. Der Bericht löste die erste „Hormon-Verjüngungs-Welle” aus.
Pharmakologische Realität: Die Hoden-Extrakte, die Brown-Séquard sich injizierte, enthielten praktisch kein bioaktives Testosteron — die Mengen lagen weit unter physiologischen Schwellenwerten. Die berichteten Effekte waren wahrscheinlich Placebo-Reaktion und Wunschdenken. Trotzdem war Brown-Séquards Arbeit historisch entscheidend: Er etablierte das Konzept einer „Organotherapie” mit Drüsenextrakten, das die ganze nachfolgende Entwicklung der Endokrinologie prägte.
Zoth & Pregl 1896 — Die ersten dokumentierten Sportler-Selbstversuche
Die österreichischen Physiologen Oskar Zoth und Fritz Pregl veröffentlichten 1896 als erste den Vorschlag, Sportlern hormonelle Substanzen zur Leistungssteigerung zu injizieren. Sie injizierten sich gegenseitig Stier-Hoden-Extrakte und maßen die Kraft ihrer Mittelfinger als Outcome. Pregl gewann später (1923) den Nobelpreis für Chemie für nicht verwandte Arbeiten zur Mikrochemie. Der Zoth-Pregl-Vorschlag von 1896 markiert die konzeptionelle Geburt des modernen Sport-Dopings — auch wenn die verfügbaren Extrakte biochemisch wirkungslos waren.
Die Steinach-Operation und der Hodentransplantations-Wahn (1900–1930)
In den frühen 1900er-Jahren entwickelte sich eine bizarre Phase der „Verjüngungs-Chirurgie”, die heute aus klinischer Sicht beinahe absurd wirkt, aber damals von einigen der prominentesten Intellektuellen ernst genommen wurde.
Eugen Steinach und die Verjüngungs-Vasektomie
Der österreichische Physiologe Eugen Steinach (1861–1944) entwickelte ein Verfahren, das er als „Verjüngungs-Operation” bewarb: eine einseitige Vasektomie, die angeblich die Hoden-Hormonproduktion stimulieren und den Mann verjüngen sollte. Die wissenschaftliche Grundlage war fragwürdig, die berichteten Effekte (verbesserte Libido, geringere Müdigkeit, Haarwuchs) wahrscheinlich Placebo. Trotzdem ließen sich prominente Persönlichkeiten der Steinach-Operation unterziehen, darunter:
| Patient | Beruf | Jahr |
|---|---|---|
| Sigmund Freud | Psychoanalytiker | 1923 |
| William Butler Yeats | Dichter, Nobelpreisträger | 1934 |
| Eugen d’Albert | Komponist | 1920er |
Die Voronoff-Affäre — Hoden-Xenotransplantationen
Der russisch-französische Chirurg Serge Voronoff trieb die Praxis ins Groteske: Er transplantierte Hoden von Schimpansen und Pavianen in alternde wohlhabende Männer — eine Praxis, die zwischen 1920 und 1930 bei der Pariser Oberschicht in Mode war. Voronoff wurde wohlhabend, bevor sein Verfahren als unwirksam und gefährlich entlarvt wurde. Sein wohlhabendster Patient war Harry F. McCormick, Ehemann von Edith Rockefeller. Die Tierschutzbewegung kämpfte gegen die Praxis, und in den 1930er-Jahren verschwand sie aus der Mainstream-Medizin.
Die Isolations-Ära: Vom Hodenextrakt zum reinen Testosteron (1929–1939)
Die zehn Jahre zwischen 1929 und 1939 sind die wissenschaftlich entscheidende Periode der AAS-Geschichte. In dieser kurzen Zeitspanne wurde das Östrogen isoliert, das Androsteron isoliert, das Testosteron synthetisiert — und ein Nobelpreis vergeben. Der Mittelpunkt dieser Forschung war Berlin, am Kaiser-Wilhelm-Institut für Biochemie.
Adolf Butenandt — Der deutsche Hormon-Pionier
Adolf Butenandt (1903–1995), deutscher Biochemiker, isolierte 1929 als erster das weibliche Sexualhormon Östron aus Schwangerenurin. Zwei Jahre später, 1931, isolierte er Androsteron aus männlichem Urin — er benötigte dafür 15.000 Liter Urin (gespendet von Berliner Polizisten), aus denen er etwa 15 Milligramm gewann. Androsteron ist allerdings kein Testosteron, sondern ein Metabolit — das eigentliche Hormon kam später.
1935 — Das „Testosteron”-Jahr
Im Jahr 1935 geschah etwas Historisches: Drei Forschergruppen synthetisierten parallel das männliche Sexualhormon und gaben ihm den Namen Testosteron (eine Wortkombination aus „Testikel”, „Sterol” und „Keton”):
| Forscher | Institution | Land | Beitrag |
|---|---|---|---|
| Karoly Gyula David, Ernst Laqueur | Pharma-Firma Organon | Niederlande | Erste Isolierung aus Stierhoden, Mai 1935 |
| Adolf Butenandt | Schering / Kaiser-Wilhelm-Institut | Deutschland | Synthese aus Cholesterin, August 1935 |
| Leopold Ruzicka | ETH Zürich / Ciba | Schweiz | Synthese aus Cholesterin, August 1935 |
Die Synthese aus Cholesterin war der echte Durchbruch — sie ermöglichte die industrielle Herstellung von Testosteron in großen Mengen und legte das Fundament für alle nachfolgenden Anwendungen, von der Hormontherapie über das Bodybuilding bis zum Doping. Schering (das deutsche Pharma-Unternehmen aus Berlin) brachte das erste klinisch verwendbare Testosteron-Präparat auf den Markt: Testoviron im Jahr 1937, ein Testosteron-Propionat zur intramuskulären Injektion. Die Marke Testoviron besteht bis heute, jetzt als Testosteron-Enantat-Präparat. Detaillierte Geschichte: Testoviron — die Geschichte der ältesten Testosteronmarke.
1939 — Der Nobelpreis
Im Jahr 1939 wurde der Nobelpreis für Chemie für die Sexualhormon-Forschung verliehen — und zwar an zwei Forscher: Adolf Butenandt (Deutschland) und Leopold Ruzicka (Schweiz). Butenandt durfte den Preis allerdings auf Anweisung des NS-Regimes nicht persönlich entgegennehmen; er erhielt die Auszeichnung erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Trotz dieser politischen Komplikation markiert 1939 die offizielle Anerkennung der Hormon-Pioniere durch die globale wissenschaftliche Gemeinschaft.
| Jahr | Ereignis | Bedeutung |
|---|---|---|
| 1929 | Butenandt isoliert Östron | Erster echter Sexualhormon-Identifikationsfortschritt |
| 1931 | Butenandt isoliert Androsteron | Erster Hinweis auf männliche Hormonpfade |
| 1935 | Synthese von Testosteron (Butenandt, Ruzicka, David/Laqueur) | Beginn der industriellen Hormonproduktion |
| 1937 | Schering bringt Testoviron auf den Markt | Erstes kommerzielles Testosteron-Präparat |
| 1939 | Nobelpreis für Butenandt und Ruzicka | Wissenschaftliche Anerkennung |
Charles Kochakian und die anabole Entdeckung (1935–1945)
Während die deutsch-schweizerische Achse die Synthese leistete, machte ein amerikanischer Forscher die funktionell entscheidende Entdeckung: dass Testosteron nicht nur sexuelle Wirkungen hat, sondern auch Muskelwachstum anregen kann.
Charles D. Kochakian (1908–1999), als Doktorand an der University of Rochester, dokumentierte zwischen 1935 und 1938, dass männliche Sexualhormone bei kastrierten Hunden zu erhöhter Stickstoffretention und damit zu Proteinaufbau führen. Diese Beobachtung — dass Androgene anabol wirken, nicht nur „androgen” — wurde zur Grundlage der gesamten späteren Bodybuilding-Anwendung. Kochakian gilt als der Vater des Begriffs „anabole Steroide” im modernen Sinne.
Sein 1976 erschienenes Buch „Anabolic-Androgenic Steroids” gilt bis heute als eines der maßgeblichen historischen Werke. Im Jahr 1945 popularisierte der Wissenschaftsjournalist Paul de Kruif in seinem Bestseller „The Male Hormone” die Idee, dass Testosteron sowohl Vitalität als auch sportliche Leistung steigern kann — das Buch erreichte ein breites Publikum und legte das kulturelle Fundament für die spätere Sportler-Anwendung.
Die Wien-Geschichte 1954: Die Geburt des modernen Sport-Dopings
Dies ist die wahrscheinlich wichtigste einzelne Anekdote in der gesamten AAS-Geschichte, und sie verdient eine ausführliche Darstellung. Sie spielt im Oktober 1954 in Wien, bei der Weltmeisterschaft im Gewichtheben.
John Bosley Ziegler (ca. 1920–1983), ein US-amerikanischer Arzt und Mannschaftsarzt der US-Gewichtheber, beobachtete die überlegenen Leistungen der sowjetischen Athleten mit wachsendem Argwohn. Eines Abends saß er mit dem sowjetischen Mannschaftsarzt in einer Wiener Bar. Nach einigen Drinks fragte der Russe wiederholt: „Was gibt ihr euren Jungs?” Als Ziegler die Frage zurückstellte, antwortete der Russe direkt: „Wir geben unseren Athleten Testosteron.”
Diese kurze Begegnung markiert den Beginn des modernen Sport-Dopings in den USA. Ziegler kehrte nach Hause zurück, experimentierte mit niedrigen Testosteron-Dosen an sich selbst, am Trainer Bob Hoffman und an drei US-Gewichthebern (John Grimek, Jim Park, Yaz Kuzahara). Die Resultate waren beeindruckend — Kraft und Masse stiegen schneller, als es durch reines Training möglich gewesen wäre. Allerdings traten auch Nebenwirkungen auf: vergrößerte Prostata, Hodenatrophie.
Ziegler, Ciba und die Geburt von Dianabol (1958)
Ziegler arbeitete daraufhin mit dem schweizerisch-amerikanischen Pharmaunternehmen Ciba Pharmaceuticals zusammen, um eine synthetische Variante mit reduzierten androgenen Effekten zu entwickeln. Seine Forschung profitierte angeblich von deutschen Forschungsdokumenten aus der NS-Zeit, die nach dem Krieg in US-Hände gefallen waren. Resultat war Methandienon (auch Methandrostenolon genannt), das Ciba 1958 unter dem Markennamen Dianabol auf den US-Markt brachte. Detaillierte Compound-Profile: Methandienon (Dianabol).
Dianabol war der erste oral wirksame anabole Steroid, der speziell für sportliche Leistungssteigerung im Westen entwickelt wurde. Die ursprüngliche FDA-Zulassung war für medizinische Indikationen wie Verbrennungen und Muskelschwund — die Off-Label-Anwendung im Sport war von Anfang an dokumentiert. Bill March vom York Barbell Club erhielt 1959 als einer der ersten Athleten Dianabol von Ziegler — und gewann damit kurz darauf US-Gewichtheber-Meisterschaften.
Ziegler selbst wurde später zum Kritiker. Nachdem er die exzessiven Dosen mancher Bodybuilder beobachtet hatte, sagte er: „Es ist schon schlimm genug, dass wir uns mit Drogenabhängigen herumschlagen müssen, aber jetzt setzen sich gesunde Athleten in dieselbe Kategorie. Es ist eine Schande.” Ziegler starb 1983 an Herzversagen, das er teilweise auf seine eigenen frühen Testosteron-Selbstversuche zurückführte.
Die Compound-Entwicklungs-Welle (1958–1965)
Nach Dianabol explodierte die Pharma-Forschung an synthetischen Anabolika. Praktisch alle heute noch verwendeten klassischen AAS wurden in einem knappen Sieben-Jahres-Fenster entwickelt:
| Jahr | Substanz | Marke | Hersteller | Hintergrund |
|---|---|---|---|---|
| 1958 | Methandienon | Dianabol | Ciba (USA/Schweiz) | Erste oral wirksame BB-Substanz |
| 1959 | Nandrolon Decanoat | Deca-Durabolin | Organon (NL) | Erstes 19-Nor-Steroid |
| 1959 | Methenolon Enanthat | Primobolan | Schering (D) | Mildes Anabolikum |
| 1960 | Stanozolol | Winstrol | Winthrop (USA) | DHT-Derivat, oral und injizierbar |
| 1961 | Fluoxymesteron | Halotestin | Upjohn (USA) | Hochpotentes orales Steroid |
| 1962 | Oxymetholon | Anadrol | Syntex (Mexico) | Schwerstes orales Anabolikum |
| 1962 | Methenolon Acetat | Primobolan oral | Schering (D) | Orale Variante |
| 1962 | Boldenon Undecylenat | Equipoise | Squibb (USA) | Veterinär-Steroid |
| 1962 | Methasteron | (später Superdrol) | Syntex (USA) | Lange Zeit unbeachtet |
| 1964 | Oxandrolon | Anavar | Searle (USA) | Mildes orales DHT-Derivat |
| 1965 | Drostanolon Propionat | Masteron | Syntex (USA) | DHT-Derivat für Cutting |
| 1967 | Trenbolon Acetat | Finajet (Veterinär) | Roussel (F) | Veterinär, später humane BB-Anwendung |
Diese Welle fand parallel im Westen (USA, Schweiz, Niederlande, Deutschland) und im Osten (Sowjetunion, DDR) statt. Während Ciba, Schering, Squibb und Searle für den westlichen Markt entwickelten, arbeitete der staatliche DDR-Pharmakonzern Jenapharm in Jena an seiner eigenen Substanz: Oral-Turinabol (Chlordehydromethyltestosteron), 1965 patentiert und ab 1966 produziert. Turinabol wurde der zentrale Wirkstoff des größten staatlichen Dopingsystems der Geschichte.
Das Staatsplan 14.25 — Das DDR-Dopingsystem (1974–1989)
Die DDR betrieb von 1974 bis 1989 das umfassendste, am besten dokumentierte staatliche Dopingsystem der Geschichte unter dem Codenamen „Staatsplan 14.25″. Über 10.000 Athleten — viele davon minderjährige Mädchen ohne Wissen über die Substanzen — erhielten systematisch Oral-Turinabol im Rahmen eines durchstrukturierten Plans:
| Aspekt | Details |
|---|---|
| Zeitraum | 1974–1989 |
| Hauptsubstanz | Oral-Turinabol (Chlordehydromethyltestosteron) |
| Hersteller | VEB Jenapharm, Jena |
| Athleten | Über 10.000 dokumentiert |
| Sportarten | Schwimmen, Leichtathletik, Gewichtheben, Rudern, Bobsport |
| Dosierung | Bei jugendlichen Schwimmerinnen oft 30+ mg täglich |
| Wissen der Athleten | Oft als „Vitamin” deklariert, ohne Aufklärung |
| Olympische Erfolge | DDR gewann mehr Olympische Medaillen pro Kopf als jedes andere Land |
| Spätfolgen | Dokumentierte Virilisierung, Lebertumoren, Herzschäden, psychische Probleme |
Nach der Wiedervereinigung 1990 wurden die Stasi-Akten teilweise zugänglich, und das gesamte Ausmaß des Programms wurde aufgedeckt. Mehrere DDR-Sportärzte und -funktionäre wurden in den 1990er-Jahren verurteilt. Hunderte von ehemaligen DDR-Athletinnen erhielten in den 2000er-Jahren staatliche Entschädigungen für die gesundheitlichen Spätfolgen — viele davon mit dauerhafter Stimmvertiefung, Klitorishypertrophie und Fertilitätsproblemen, wie sie auch heute bei AAS-Anwenderinnen dokumentiert werden. Detaillierte Risiken bei weiblicher AAS-Anwendung: Frauen und anabole Steroide.
Auch die Sowjetunion, Bulgarien und andere Ostblock-Staaten betrieben Dopingsysteme, allerdings keines so dokumentiert wie das DDR-Programm. Die olympische Dominanz dieser Länder zwischen 1960 und 1989 ist heute weitgehend als hormonell unterstützt anerkannt.
Die Regulierungs-Ära (1967–1990)
Bis Mitte der 1960er-Jahre waren AAS in den meisten Ländern legal verfügbar — entweder rezeptfrei oder mit niedriger regulatorischer Hürde. Das änderte sich schrittweise:
| Jahr | Ereignis | Bedeutung |
|---|---|---|
| 1967 | IOC verbietet Doping erstmals offiziell | Symbolisch, kaum Tests |
| 1968 | Erste Olympische Doping-Tests (Mexico City) | Nur Stimulanzien, nicht AAS |
| 1976 | Erste AAS-Tests bei Olympia (Montreal) | Radioimmunoassay-Methode |
| 1988 | Ben Johnson positiv auf Stanozolol bei 100 m Gold (Seoul) | Globaler Skandal |
| 1990 | Anabolic Steroid Control Act (USA) | AAS werden Schedule III Controlled Substance |
| 1991 | Deutsches Arzneimittelgesetz schärfer | AAS werden verschreibungspflichtig |
| 1996 | Deutschland: AAS in Doping-Liste aufgenommen | Sportverbote |
| 1999 | WADA gegründet | Erste globale Anti-Doping-Behörde |
| 2003 | BALCO-Skandal | „Designer Steroids” THG entdeckt |
| 2004 | THG-Verbot, US Anabolic Steroid Control Act-Erweiterung | Designer-Steroide kriminalisiert |
| 2007 | Deutsches Anti-Doping-Gesetz | AAS-Besitz strafbar |
Der Ben Johnson Moment (1988)
Bei den Olympischen Spielen Seoul 1988 gewann der kanadische Sprinter Ben Johnson das 100-m-Finale in einer Weltrekord-Zeit von 9,79 Sekunden. Drei Tage später wurde er positiv auf Stanozolol getestet und disqualifiziert. Die Goldmedaille ging an Carl Lewis weiter (der später ebenfalls mit Doping-Vorwürfen konfrontiert war). Johnson gab später zu, neben Stanozolol auch Dianabol, Testosteron, Furazabol und HGH verwendet zu haben.
Der Ben-Johnson-Moment war global prägend — er machte die Öffentlichkeit erstmals breit auf das Ausmaß des Sport-Dopings aufmerksam und führte direkt zu härterem Anti-Doping-Vorgehen im Westen.
Der Anabolic Steroid Control Act 1990 (USA)
Das US-Gesetz von 1990 stufte anabole Steroide als Schedule III Controlled Substance ein — derselbe rechtliche Status wie Ketamin oder Codein. Vor diesem Gesetz waren AAS in den USA verschreibungspflichtig, aber nicht streng kontrolliert. Nach 1990 wurden Erwerb, Besitz und Verkauf ohne Rezept zur Straftat. Diese Maßnahme wird heute kontrovers diskutiert: Einige Experten (darunter Pope und Kanayama in ihrer 2018-Übersicht) argumentieren, dass die Kriminalisierung den medizinischen Diskurs erschwert hat und den Schwarzmarkt erst recht florieren ließ.
BALCO 2003 — Der Designer-Steroid-Skandal
Im Jahr 2003 flog der BALCO-Skandal (Bay Area Laboratory Co-operative) auf. Das kalifornische Labor unter Victor Conte hatte einen „undetectable” Designer-Steroid namens Tetrahydrogestrinon (THG) entwickelt und an Spitzenathleten in Baseball, Football und Leichtathletik verteilt. Die Affäre traf u.a. den Sprinter Marion Jones (mehrere Olympische Goldmedaillen, später zurückgegeben) und Baseballspieler Barry Bonds. BALCO markierte den Beginn der Designer-Steroid-Ära, in der Untergrund-Chemiker neue Substanzen entwickeln, die noch nicht auf den WADA-Listen stehen.
Die deutsche Schwarzmarkt-Geschichte (1980er–heute)
Während der westliche Pharma-Markt schrittweise reguliert wurde, entwickelte sich parallel ein internationaler Schwarzmarkt für AAS. Die wichtigsten Etappen:
| Periode | Beschaffungsweg | Charakteristik |
|---|---|---|
| 1970er–1980er | Pharmazeutische Originale (Schering, Ciba, Organon) | Hohe Qualität, legal mit Rezept, illegal sonst |
| 1980er–1990er | Mexikanische Pharma-Importe | Schmuggel über Landgrenzen |
| 1990er | Schwarzmarkt nach Anabolic Steroid Control Act | Stark expandierend |
| 2000er | Aufstieg der Underground-Labore (UGL) | Selbst hergestellte Generika |
| 2010er | Asiatische API-Lieferanten (China, Indien) | Globaler API-Markt für Underground |
| 2020er | Mainstream-UGL mit Verifizierungs-Codes | Pseudo-pharmazeutische Qualität |
In Deutschland speziell wuchs der Online-Schwarzmarkt parallel mit dem Internet ab Mitte der 1990er-Jahre. Das deutsche Anti-Doping-Gesetz von 2007 und die Verschärfungen 2015 stellten den Besitz von AAS unter Strafe — entscheidend war die Einführung der „nicht geringen Menge” als strafrechtlicher Schwellenwert. Heutige UGL-Marken wie Deus Medical, Astera Labs, Driada Medical, Hilma Biocare und ähnliche dominieren den deutschen Schwarzmarkt mit pharmazeutisch-anmutenden Produkten und Verifizierungs-Codes.
Die moderne Ära: TRT-Renaissance, harm reduction und SARMs (2000–heute)
Ab den frühen 2000er-Jahren begann eine paradoxale Entwicklung: Während AAS im Sport-Kontext immer schärfer verfolgt wurden, erlebte die Testosteronersatztherapie (TRT) eine medizinische Renaissance.
Die TRT-Renaissance
Mehrere Faktoren führten zu einem dramatischen Anstieg der medizinischen Testosteron-Verschreibung:
| Faktor | Beitrag |
|---|---|
| Bessere Verständnis von späterem männlichen Hypogonadismus | Klinische Aufmerksamkeit für „Late-Onset Hypogonadism” |
| Neue Darreichungsformen | Transdermale Gele (AndroGel 2000), nasale Sprays, lang wirkendes Nebido |
| Pharma-Marketing | „Low T” Kampagnen in den USA |
| Endocrine Society Guidelines (Bhasin 2018) | Klinische Standards |
| Erhöhte Lebenserwartung | Mehr Männer mit alters-bedingtem Hypogonadismus |
| Online-TRT-Kliniken | Niederschwelliger Zugang zur Therapie |
Die Endocrine Society Clinical Practice Guideline von Bhasin et al. 2018 ist heute der maßgebliche klinische Standard für TRT bei männlichem Hypogonadismus. Sie definiert Diagnosekriterien (zwei Morgen-Messungen unter 264 ng/dL plus Symptome), Behandlungsoptionen und Monitoring-Protokolle.
Die SARMs-Ära
Parallel zur TRT-Renaissance entwickelten Pharma-Forscher SARMs (Selektive Androgen-Rezeptor-Modulatoren) — Substanzen, die selektiv an Muskel-Androgenrezeptoren binden, ohne die androgenen Nebenwirkungen vollständiger AAS zu produzieren. Substanzen wie Ostarine (MK-2866), Ligandrol (LGD-4033), RAD-140 und Andarine wurden ursprünglich für die Behandlung von Muskelschwund (Kachexie, Sarkopenie) entwickelt und sind seit den späten 2010er-Jahren ein wichtiger Teil des Bodybuilding-Schwarzmarkts. Detaillierte Übersicht: SARMs und Steroide vs. SARMs.
Die Harm-Reduction-Wende (2010er–heute)
Eine zunehmende wissenschaftliche Bewegung — vertreten u.a. von Pope, Kanayama, Hudson und der dänischen Gruppe um Rasmussen — argumentiert, dass die ausschließlich kriminalisierende Herangehensweise an AAS gescheitert ist. Diese Forscher dokumentieren, dass:
- Etwa 3,3 % der globalen Bevölkerung AAS verwendet oder verwendet hat
- Die Mehrheit der Anwender heute keine Profi-Athleten, sondern junge Männer im Bodybuilding-Kontext sind
- Die Langzeit-Folgen (anabolic steroid-induced hypogonadism, kardiovaskuläre Probleme) klinisch unter-versorgt sind
- Eine Harm-Reduction-Strategie mit medizinischer Begleitung statt reiner Kriminalisierung sinnvoller wäre
Diese Bewegung hat in einigen Ländern (Niederlande, Australien, Vereinigtes Königreich) zu pragmatischeren Ansätzen geführt — z.B. anonymen AAS-Beratungsstellen, die ehemaligen oder aktiven Anwendern medizinische Hilfe ohne strafrechtliche Konsequenzen anbieten.
Die wichtigsten Persönlichkeiten der AAS-Geschichte im Überblick
| Person | Lebensdaten | Beitrag |
|---|---|---|
| Arnold Adolph Berthold | 1803–1861 | Erste wissenschaftliche Demonstration der Hodenhormonwirkung (1849) |
| John Hunter | 1728–1793 | Erste Hodentransplantation (Hahn → Henne) |
| Charles-Édouard Brown-Séquard | 1817–1894 | „Verjüngungs-Injektionen” 1889 |
| Eugen Steinach | 1861–1944 | „Verjüngungs-Vasektomie” 1920er |
| Adolf Butenandt | 1903–1995 | Östron- und Androsteron-Isolierung, Testosteron-Synthese, Nobelpreis 1939 |
| Leopold Ruzicka | 1887–1976 | Parallele Testosteron-Synthese in Zürich, Nobelpreis 1939 |
| Ernst Laqueur, Karoly David | 1880er–1940er | Erste Testosteron-Isolierung aus Stierhoden 1935 |
| Charles Kochakian | 1908–1999 | Entdeckung der anabolen Eigenschaften von Androgenen |
| Paul de Kruif | 1890–1971 | „The Male Hormone” (1945), populärwissenschaftliche Verbreitung |
| John Bosley Ziegler | ca. 1920–1983 | Vienna 1954, Dianabol-Entwicklung 1958 |
| Manfred Höppner | 1934–2018 | Architekt des DDR-Staatsplans 14.25 |
| Victor Conte | *1950 | BALCO-Gründer, THG-Designer-Steroid |
| Harrison Pope | *1947 | Moderner Forscher, Harvard-Psychiater, Mitherausgeber großer AAS-Übersichten |
| Shalender Bhasin | *1949 | Endocrine Society Guidelines, modernes TRT-Standard-Setting |
| Jonas Rasmussen | aktiv | Kopenhagen, ASIH-Forschung, Langzeit-Folgen-Studien |
Die Geschichte der wichtigsten Compounds in einem Zeitstrahl
| Ära | Compound-Entwicklungen | Doping-Ereignisse | Regulierung |
|---|---|---|---|
| 2600 v. Chr. – 1849 | Hodenkonsum, Brown-Séquard-Extrakte | — | Keine |
| 1849–1929 | Berthold-Versuch, Steinach-Operation | Zoth/Pregl Vorschlag 1896 | Keine |
| 1929–1939 | Östron, Androsteron, Testosteron synthetisiert | — | Erste Pharmazulassung |
| 1940–1958 | Kochakian Anabolik-Entdeckung, Schering Testoviron | Frühe Sport-Anwendung Sowjetunion | Keine |
| 1958–1965 | Dianabol, Deca, Primobolan, Winstrol, Anavar, Anadrol, Halotestin, EQ, Drostanolon | Vienna 1954, Bill March 1959 | Keine |
| 1965–1990 | Trenbolon, Turinabol, neue Test-Ester | Staatsplan 14.25 (1974–1989), Ben Johnson 1988 | IOC 1967, Doping-Tests 1968/1976 |
| 1990–2000 | Designer-Steroide entstehen | Festina-Affäre 1998 (Tour de France) | US Anabolic Steroid Control Act 1990, WADA 1999 |
| 2000–2010 | THG (BALCO), neue UGL-Welle | BALCO 2003, Marion Jones, Barry Bonds | TRT-Renaissance, AndroGel 2000 |
| 2010–heute | SARMs, Peptid-Hormone, Designer | Russland 2014/Sotschi-Skandal, Operation Aderlass 2019 | WADA-Code-Verschärfungen, Harm-Reduction-Bewegung |
Häufig gestellte Fragen
Wer hat die anabolen Steroide erfunden?
Die Frage lässt sich nicht einer Person zuordnen — die Entwicklung war ein parallelisierter Prozess in mehreren Ländern. Die Isolierung von Testosteron gelang 1935 drei Forschergruppen gleichzeitig: Karoly David & Ernst Laqueur (Organon, Niederlande), Adolf Butenandt (Schering/Berlin) und Leopold Ruzicka (ETH Zürich/Ciba). Den Nobelpreis 1939 teilten sich Butenandt und Ruzicka. Die Anabol-Eigenschaften wurden von Charles Kochakian (USA) zwischen 1935 und 1938 dokumentiert. Der erste oral wirksame synthetische AAS für Sportler war Dianabol (Methandienon), entwickelt von John Ziegler und Ciba 1958.
Was war die Vienna 1954 Geschichte?
Im Oktober 1954 traf sich der US-Mannschaftsarzt John Ziegler in Wien bei der Gewichtheber-Weltmeisterschaft mit dem sowjetischen Mannschaftsarzt. Auf Zieglers Frage, was den russischen Athleten ihre überlegene Kraft verleihe, antwortete der Russe: „Wir geben unseren Athleten Testosteron.” Diese Begegnung markiert den dokumentierten Beginn des modernen Sport-Dopings im Westen. Ziegler ging zurück nach Hause, experimentierte mit niedrigen Test-Dosen, arbeitete mit Ciba zusammen und entwickelte Dianabol — den ersten westlichen Bodybuilding-AAS.
Was war Staatsplan 14.25?
Das Staatsplan 14.25 war das systematische staatliche Dopingprogramm der DDR zwischen 1974 und 1989, in dem über 10.000 Athleten — viele davon minderjährige Mädchen — mit dem oralen Anabolikum Oral-Turinabol (Chlordehydromethyltestosteron) behandelt wurden. Das Programm wurde von der DDR-Regierung über das Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) koordiniert, Hauptarchitekt war Manfred Höppner. Nach der Wiedervereinigung wurden die Akten teilweise veröffentlicht und mehrere DDR-Sportärzte verurteilt. Ehemalige DDR-Athletinnen erhielten Entschädigungen für die gesundheitlichen Spätfolgen, darunter dauerhafte Virilisierung und Lebertumoren.
Hat John Ziegler seine Erfindung später bereut?
Ja, dokumentiert. Ziegler beobachtete in den 1960er- und 1970er-Jahren, wie Bodybuilder die Dianabol-Dosen weit über die ursprünglich von ihm intendierten niedrigen Mengen steigerten und schwere Nebenwirkungen erlitten. Er äußerte sich später in Interviews kritisch und sagte unter anderem: „Es ist eine Schande. Wer betreibt Sport noch zum Spaß?” Ziegler selbst starb 1983 an Herzversagen, das er teilweise auf seine eigenen frühen Testosteron-Selbstversuche zurückführte.
Wann wurde Testosteron erstmals synthetisiert?
Im Jahr 1935 wurde Testosteron zum ersten Mal isoliert und synthetisiert. Im Mai 1935 isolierten Karoly David und Ernst Laqueur (Organon, Niederlande) die Substanz aus Stierhoden. Im August 1935 publizierten Adolf Butenandt (Schering/Berlin) und Leopold Ruzicka (ETH Zürich) parallel die Synthese aus Cholesterin — der echte Durchbruch für die industrielle Produktion. Der Name „Testosteron” ist eine Wortkombination aus Testikel + Sterol + Keton.
Welche Rolle spielte Schering in der AAS-Geschichte?
Eine zentrale. Schering AG (Berlin) war eine der ältesten und wichtigsten deutschen Pharma-Firmen und brachte 1937 das erste kommerzielle Testosteron-Präparat unter dem Namen Testoviron auf den Markt. Adolf Butenandt arbeitete am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin, in enger Verbindung zu Schering. Schering entwickelte später auch Primobolan (Methenolon) und blieb über Jahrzehnte einer der weltweit führenden Hersteller von Testosteronpräparaten. Heute gehört Schering zu Bayer Pharmaceuticals; der Markenname Testoviron besteht weiter. Detaillierte Geschichte: Testoviron.

Was war BALCO?
Der BALCO-Skandal (Bay Area Laboratory Co-operative) flog 2003 in Kalifornien auf. Das Labor unter Leitung von Victor Conte hatte einen Designer-Steroid namens Tetrahydrogestrinon (THG) entwickelt, der so neu war, dass er nicht auf den Doping-Listen stand und damit nicht detektiert werden konnte. THG wurde an Spitzenathleten in mehreren Sportarten verteilt, darunter Marion Jones (mehrere Olympische Goldmedaillen, später zurückgegeben), Barry Bonds (Baseball), Bill Romanowski (NFL) und andere. Die Affäre markiert den Beginn der Designer-Steroid-Ära, in der Untergrund-Chemiker Substanzen entwickeln, die noch nicht auf WADA-Listen stehen.
Warum ist die DDR so prominent in der AAS-Geschichte?
Weil das DDR-Dopingsystem das am besten dokumentierte staatliche Dopingsystem der Geschichte ist. Nach der Wiedervereinigung 1990 wurden Stasi-Akten teilweise zugänglich gemacht, und das gesamte Ausmaß des Programms — über 10.000 Athleten, Hauptsubstanz Oral-Turinabol, systematisches Verschweigen der Inhaltsstoffe gegenüber den Athleten — wurde aufgedeckt. Andere Doping-Systeme (Sowjetunion, Bulgarien, Russland 2014) sind ebenfalls dokumentiert, aber keines so umfassend wie das DDR-Programm. Mehrere Verantwortliche wurden in den 1990er-Jahren strafrechtlich verurteilt.
Wann wurden anabole Steroide in Deutschland verboten?
Anabole Steroide waren in Deutschland nie „komplett verboten” im Sinne einer Schedule-I-Substanz, sondern werden seit jeher als verschreibungspflichtige Arzneimittel behandelt. Die wichtigsten Schritte: 1991 Verschärfung der Verschreibungspflicht im AMG, 1996 Aufnahme in die deutsche Doping-Liste, 2007 Anti-Doping-Gesetz mit Besitzstrafbarkeit ab „nicht geringer Menge”, 2015 weitere Verschärfung. Heute ist der Erwerb, Besitz und Verkauf ohne ärztliches Rezept nach § 95 AMG und nach dem Anti-Doping-Gesetz strafbar. Medizinische Verwendung mit Rezept (z.B. TRT bei dokumentiertem Hypogonadismus) ist legal.
Was sind SARMs und wie passen sie in die AAS-Geschichte?
SARMs (Selektive Androgen-Rezeptor-Modulatoren) sind die jüngste Entwicklung in der Geschichte androgener Substanzen. Sie wurden ab den späten 1990er-Jahren von Pharma-Firmen wie GTx und Ligand Pharmaceuticals entwickelt, um die Vorteile der AAS (Muskelaufbau) ohne die androgenen Nebenwirkungen (Prostatavergrößerung, Virilisierung, etc.) zu erreichen. Substanzen wie Ostarine, Ligandrol, RAD-140 und Andarine sind nicht für menschliche Anwendung zugelassen, aber im Bodybuilding-Schwarzmarkt seit den 2010er-Jahren verfügbar. Im Vergleich zu klassischen AAS sind sie milder, haben aber eigene Nebenwirkungsprofile und werden seit 2008 von der WADA als Doping-Substanzen geführt. Detaillierte Übersicht: SARMs.
Welche Rolle spielt die Harm-Reduction-Bewegung heute?
Eine zunehmend wichtige. Wissenschaftler wie Harrison Pope (Harvard), Gen Kanayama, James Hudson und die Kopenhagener Gruppe um Jonas Rasmussen argumentieren in mehreren Übersichten, dass die ausschließlich kriminalisierende Behandlung von AAS-Anwendern medizinisch und gesellschaftlich ineffizient ist. Sie schlagen vor: anonyme Beratungsangebote, harm-reduction-orientierte Aufklärung, frühzeitige Erkennung von ASIH (anabolic steroid-induced hypogonadism), und besseren medizinischen Zugang für ehemalige AAS-Anwender mit Spätfolgen. Diese Bewegung hat in Ländern wie den Niederlanden, Australien und dem Vereinigten Königreich zu pragmatischeren Ansätzen geführt. In Deutschland steht eine vergleichbare Entwicklung noch aus.
Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine medizinische Beratung dar. Anabole Steroide sind in Deutschland verschreibungspflichtig und unterliegen dem Arzneimittelgesetz (AMG) sowie dem Anti-Doping-Gesetz. Erwerb, Besitz und Handel ohne ärztliches Rezept sind nach § 95 AMG und nach den Bestimmungen des Anti-Doping-Gesetzes strafbar. Die in diesem Artikel beschriebenen historischen Anwendungen — von Brown-Séquards Selbstversuchen über das DDR-Staatsplan 14.25 bis zur modernen Schwarzmarkt-Anwendung — sind historische Fakten und keine Empfehlungen zur Nachahmung. Anabole Steroide haben ein dokumentiertes Risiko-Profil mit potenziell schwerwiegenden Folgen für Herz-Kreislauf-System, Leber, endokrines System, Psyche und Fertilität. Wer eine medizinische Indikation für Testosteron-Therapie vermutet (z.B. dokumentierten Hypogonadismus), sollte einen Endokrinologen oder Androloge konsultieren — die Endocrine Society Clinical Practice Guideline (Bhasin 2018) ist der maßgebliche klinische Standard. Die Geschichte zeigt, dass die meisten Pioniere der AAS-Forschung später entweder Bedauern äußerten (Ziegler) oder selbst gesundheitliche Folgen erlitten — ein Muster, das auch heute bei vielen Anwendern dokumentiert wird (Rasmussen 2016, Pope/Kanayama 2018). Dieser Artikel ersetzt nicht die individuelle ärztliche Beratung. Die Autoren übernehmen keine Haftung für gesundheitliche Schäden durch unsachgemäße Anwendung oder Selbstbehandlung.

Anabolika Doktor ist ein Fitnessprofi mit über 10 Jahren Erfahrung im Bereich Bodybuilding und Steroide. Aufgrund der Natur dieser Artikel verwendet er ein Pseudonym. Er studierte Chemie und verliebte sich in Steroide und wie sie wirken. Er ist auch ein erfahrener Bodybuilder. Er ist seit vielen Jahren ein Verfechter der Testosterontherapie.
